Essstörungen


Essen – ein lebenswichtiger Vorgang, Essen erhält uns am Leben.

Doch Essen ist auch ein kulturelles (Esskultur) Gut,  ein gesellschaftliches Ereignis, das verbindet und zusammenführt. Ob es sich um ein Essen innerhalb der Familie oder mit Freunden handelt: Essen fördert das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Essen hat einen erheblichen kommunikativen Aspekt und so kommt es, dass auch Politiker bei prekären Themata ein gemeinsames Essen wählen.

Vor dem Hintergrund unterentwickelter Länder, wo das Thema Essen täglich zur Überlebensfrage wird, wo Essen absolute Mangelware ist und Menschen untergewichtig sind, ist es schwer vorstellbar, dass in der hochentwickelten Zivilgesellschaft das Essverhalten zu einer krankhaften Entwicklung führen kann.

 

Das Thema Essstörungen ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gerückt.

Vor dem Hintergrund zahlreicher Diäten, die hochfrequent in sämtlichen Medien angeboten werden,  und einer überschäumenden Fitness-Welle mit dem Bestreben, dynamisch, schlank und sportlich zu sein, haben Essstörungen heute „Hoch-Konjunktur“.

Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen dem Zustand unserer Psyche und unserer Lust am Essen.

Spannungen und Ärger können sich auf den Magen schlagen und den Appetit blockieren. Auf der anderen Seite kann eine ausgeglichene Stimmungslage appetitanregend sein und Hunger befördern.

Die bisherigen Forschungsansätze beschäftigten sich im Wesentlichen mit der Zusammensetzung der Ernährung, mit der Frage, wie muss ich mich ernähren, was muss ich berücksichtigen, damit ich den täglichen Bedarf an  Mikronährstoffen, Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen etc. abdecke. Was muss ich dazu täglich an Obst und Gemüse, eiweißhaltigen und kohlehydrathalten Lebensmitteln berücksichtigen? Wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es dazu genug.

Ein Aspekt wurde bei den wissenschaftlichen Forschungen zum Thema Essen vernachlässigt, nämlich wie wir essen: ob in Eile, unter Spannung, in welcher Umgebung und Gesellschaft.

In welcher psychischen Gestimmtheit!

Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung von Essstörungen von großer Bedeutung:

Wir unterscheiden im Wesentlichen zwischen 4 verschiedene Formen von Essstörungen:

  1. Magersucht (Anorexia nervosa)
  2. Bulimie (Ochsenhunger oder Ess-Fress-Sucht)
  3. Binge-eating (unkontrolliertes Essen großer Mengen)
  4. Adipositias (Fettsucht)

 

Magersucht:

Die Magersucht ist überwiegend ein Phänomen der westlichen Welt.

Diese Essstörung beruht auf einer selbstinduzierten Gewichtsabnahme (überwiegend bei Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 25 Jahren), die im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet ist,  dass ein ausgeprägter Wunsch danach besteht, dünn und schlank zu sein. Sie orientieren sich dabei in der Regel an dem  von den Medien propagieren idealtypischen Körperbau und leben in der ständigen Angst, zu dick zu sein.

Das Kalorienzählen wird zur täglichen Pflichtaufgabe. Jedes einzelne Nahrungsmittel wird akribisch danach ausgesucht. Sie halten sich selbst dann noch für zu dick, wenn sie längst untergewichtig sind.

 

Folgende Kriterien begründen die Diagnose „Magersucht“:

  • Das Gewicht bewegt sich zwischen 30 und 40 kg (Gewicht darunter kann lebensbedrohlich sein)
  • Die Menge an Nahrungsmitteln wird reduziert. Die Patientinnen (Patienten) entwickeln eine starke Abneigung gegen hochkalorische Nahrungsmittel.
  • Es entwickeln sich bizarre Essgewohnheiten. Essen in Gesellschaft wird

gemieden, was oft zu sozialem Rückzug führt.

  • Es entwickelt sich nach und nach ein Widerwille gegen alles Essbare und

die/der Betroffene muss sich regelrecht dazu zwingen, etwas zu essen.

  • Es kommt zu einer Verschiebung im Elektrolythaushalt: Nägel werden

brüchig, Haare fallen aus. Es kommt zu Hautunreinheiten, Magen-Darm-Problemen.

Körpertemperatur sinkt, Herzbeschwerden stellen sich ein. Die Periode bleibt aus.

  • Bei Durchbrechen einer Hungerattacke kann es zu nächtlichen Fressanfällen kommen, wobei das aufgenommen Essen sofort wieder erbrochen wird.

 

Die Magersucht beginnt in der Regel zu Beginn der Pubertät. Die Mädchen entwickeln das erste Körperbewusstsein, das Bestreben, attraktiv zu sein. Ausschlaggebend können der Pubertätsspeck sein und Bemerkungen aus der Umgebung dazu, die über die etwas rundliche Figur spotten.

Die Mädchen kommen häufig aus „intakten Familien“, in denen – oberflächlich gesehen – eine starke Familiengeborgenheit besteht, wobei ihnen das Ablösen aus dem intakten Familienverband sehr schwer fällt. Es entwickelt sich unbewusst eine Angst vor dem selbständigen Leben.

Dementsprechend versuchen sie „Kind“ und versorgungsbedürftig zu bleiben, nach dem Motto: „Ich bin nicht stark genug, um mich den Lebensanforderungen zu stellen“.

Aus analytischer Sicht ist Magersucht als Abwehr gegen die Übernahme der weiblichen Rolle als Frau und Mutter verstanden. Insbesondere die weibliche Sexualität, die nach analytischer Sicht deutliche Parallelen zum Essen aufweist, ist angstbesetzt. Oft besteht eine sehr enge Verbindung zur Mutter. Der Kindheitsstatus wird aufrechterhalten.

Die Interaktionsmuster der Familie sind oft konfliktvermeidend, nach außen hin besteht nicht selten die „heile Welt“.

Nahrungsverweigerung kann auch als Form der Opposition verstanden werden.

Die Persönlichkeitsstruktur ist überangepasst, sehr gefügig, aggressionsgehemmt, leicht verletzbar,  rational kontrolliert.

 

Therapiemöglichkeiten:

Die meisten Magersüchtigen müssen aufgrund ihres starken und dabei lebensbedrohlichen Untergewichtes stationär behandelt werden.

Eine ambulante Behandlung ist nur unter Voraussetzung eines ausreichenden Gewichtes (Mindestgewicht)  bei Krankheitseinsicht und starker Motivation sinnvoll

Als Psychotherapie empfiehlt sich sowohl die Tiefenpsychologie als auch Verhaltenstherapie.

Im ersten Schritt ist die Therapie „symptombezogen“, im zweiten Schritt dann ursachenbezogen und lebensgeschichtlich ausgerichtet.

 

 

Bulimie:

Die Bulimie ist dadurch gekennzeichnet, dass anfallsweise große Mengen hochkalorischer Nahrungsmittel verschlungen werden und anschließend ein selbstinduziertes Erbrechen dieser Nahrungsmittel erfolgt. Die Kalorienzahl liegt bei 3000-4000 kcal und oftmals sogar bei bis zu 10000 kcal.

Das Erbrechen wird entweder mit dem Finger oder einem Gegenstand ausgelöst.

Im Zusammenhang mit diesen Fress-Brechanfällen steht ein hoher Konsum an Abführmitteln.

Im Gegensatz zu den Magersüchtigen zeigen die bulimischen Patienten oft Normalgewicht bis mäßiges Übergewicht.

Zur Symptomatik gehört das Verschlingen von Mengen hochkalorischer Nahrung.

Die Nahrungsaufnahme erfolgt gierig  und nicht selten rauschartig; der Essvorgang gerät außer Kontrolle.

Diese Fress-Brechanfälle führen langfristig zu körperlichen Schäden wie Zahnschäden,

Blutungen in der Bindehaut der Augen. „Kotzbacken“ die dadurch entstehen, dass durch das Erbrechen Magensäure in die Mundhöhle gerät. Magensäure reizt die Speicheldrüsen und führt zu chronischer Entzündung und Schwellung dieser Drüsen. Das ständige Kauen führt zu einer Verstärkung der Kaumuskulatur, was das Gesicht breiter erscheinen lässt.

Durch die chronische Entzündung der Speiseröhre kommt es zu Entzündung dieser und zu Rissen in der Magenschleimhaut. Es folgen Elektrolytstörungen, das Gleichgewicht der Mikronährstoffe wie Vitamine, Spurenelemente,  gerät aus den Fugen. Es kommt zu Wasseransammlung in den Beinen, Haarausfall, brüchigen Nägeln.

Die Ess- und Brechanfälle erfolgen in der Regel hinter verschlossenen Türen, also im Geheimen.

Ursache dafür ist eine innere Leere, die durch ständiges Essen ausgefüllt, Frust, der verdrängt oder kompensiert werden soll.

Das Agieren durch Essen ist aber auch eine Ablenkung von anderen, tiefer liegenden Problembereichen.

 

Persönlichkeitsprofil:

Die Patientinnen/-en zeigen ein ähnliches Persönlichkeitsprofil wie die Magersüchtigen.

Auch die Familienstruktur ist häufig ähnlich gelagert.

Es sind überwiegend Frauen betroffen, die versucht haben, über Jahre ein bestimmtes Schönheitsideal zu erreichen. Die betroffenen Frauen kommen häufig aus Berufen, in denen „Schlanksein“ und „Schönheit“ ganz besonders im Vordergrund stehen.

 

Als gesellschaftlicher Faktor wirkt zunächst verstärkend ein Überangebot an Nahrungsmitteln in einer Überflussgesellschaft. Hinzu kommen Essenseinladungen, Süßigkeiten zu festlichen Anlässen, die oft im Konflikt mit dem gesteckten Schönheitsideal stehen. Deshalb muss das, was man oft aus Höflichkeit gegessen hat, um die Erwartungen des Schenkenden oder Einladenden nicht zu enttäuschen, wieder erbrochen werden.

 

Die psychotherapeutischen Möglichkeiten liegen sowohl in einer tragfähigen therapeutischen Beziehung im Bereich der Verhaltenstherapie als auch der Tiefenpsychologie. Aufbau eins strukturierten Essplanes. Ergänzend dazu: Entspannungstraining wie Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation, Achtsamkeitsübungen.

 

Fettsucht:

Unter Fettsucht versteht man ein abnormales Übergewicht. Als Orientierung dient der Bodymass-Index. Beispiel: Größe 1.70, Gewicht: 90 kg = BMI von 31.

Die BMI-Norm liegt zwischen 19 und 25.  Werte zwischen 25 und 30 wird als Übergewicht eingeordnet, ab 30 beginnt die Adipositas = Fettleibigkeit oder Fettsucht, die das Ausmaß einer Adipositas per magna annehmen kann.

Mit zunehmenden Übergewicht steigt das Risiko an übergewichtsbezogenen Erkrankungen wie Stoffwechselerkrankungen in Form von Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen. Des Weiteren Durchblutungsstörungen, Gelenkerkrankungen und Wirbelsäulenerkrankungen infolge von Überlastung des Stützapparates. Eine weitere Folge kann die Schlaf-Apnoe sein.

Bei 95% der Übergewichtigen ist das Übergewicht auf ein gestörtes Essverhalten zurückzuführen. Nur bei 5% der Betroffenen liegt die Ursache in einer hormonellen Störung.

Bei der Fettsucht liegt eine Essstörung vor, die sowohl Kinder als auch Erwachsene betrifft.

Kinder kommen oft aus Haushalten, wo der Teller leergegessen werden muss.

Das hat zur Folge, dass Essen erst aufhört, wenn keine Nahrung mehr zur Verfügung steht, ganz unabhängig vom Sättigungsgefühl.

Wir unterscheiden den

  1. Daueresser, der ständig Appetit hat und über den Tag verteilt immer wieder mehr oder weniger kleine Nahrungsmengen zu sich nimmt.
  2. Nimmersatten, bei dem die Sättigung gestört ist und in Folge dessen hungrig ist und kein Gefühl dafür hat, wann er satt ist und deshalb ständig isst.
  3. Rauschesser, bei dem es zu rauschartigen Essattacken kommt, in denen er große Mengen an Nahrungsmitteln verzehrt. Es handelt sich dabei um einen regelrechten Spannungszustand, der von der betreffenden Person „niedergegessen“ wird.
  4. und den Nachtesser, der von nächtlichen Hungerattacken heimgesucht wird.

 

Die Ursache dieser Art von Essstörung ist multifaktoriell und setzt sich zusammen aus Langeweile, Angst, Alleinsein. Außerdem: Leeregefühl, Spannungsfühle, Liebeskummer, Konfliktsituationen, die verunsichern und in denen Leistung gefordert wird.

Essen als Kompensation.

Als wesentlicher Faktor ist aber das Essverhalten während der Kindheit zu sehen. „Vielessen“ hat oder hatte Familientradition. Gemeinsamkeit, Nähe und Gefühle untereinander werden in langen und üppigen Mahlzeiten ausgedrückt.

Süßigkeiten bei Krankheit, Schmerzen oder Verlust als Trostmittel, als Ersatzbefriedigung.

Eltern tradieren ihre Gewohnheiten an ihre Kinder.

Der Fettsüchtige wird oft von der Gesellschaft gehänselt, gemieden oder nicht ernst genommen. Es kommt zum sozialen Rückzug und einer Ausgliederung aus der Gesellschaft. Nicht selten entwickelt der Betroffene depressive Gedanken. In dieser Phase wird dann auch wieder mehr gegessen. Ein Teufelskreis.

 

Therapie:

Die Behandlung der Fettsucht ist in einer Überflussgesellschaft schwierig.

Einseitige Diäten oder Fastenkuren führen zu keinem nachhaltigen Erfolg.

Im Vordergrund steht deshalb die grundsätzliche Änderung des Essverhaltens und der bisherigen Ernährungsgewohnheiten. Ergänzend dazu muss die Wahrnehmung geschult werden.

Der Fettsüchtige muss wieder ein Gefühl für Sättigung bekommen, dieses setzt in der Regel nach 15 – 18 Minuten ein. Er muss ein Gefühl für die „richtigen“ und „falschen“ Lebensmittel bekommen.

Daher: Abnehmen, Gewichtsreduktion ist zunächst ein psychischer Prozess.

Ernährungsberatung in Verbindung mit Ernährungsprotokollen und deren Analyse,

begleitet von Verhaltenstherapie und Entspannungstraining könnten ein erfolgreicher Ansatz für eine Änderung des Essverhaltens und seiner Ursachen sein.

 

Binge-Eating (aus dem Englischen: Exzessives, übermäßiges Essen):

Binge-Eating ist eine Form von Essstörung, wobei die Betroffenen beim Essen unter einem Kontrollverlust leiden.

Sie nehmen innerhalb kurzer Zeit große Nahrungsmengen zu sich und haben dabei das Gefühl, die Nahrungsaufnahme nicht mehr steuern zu können.

Die Nahrungsmittel sind meist hochkalorisch. Snacks, Süssigkeiten, Kuchen, Torten, Chips, Eis, etc.

Die Attacken sind wiederkehrend und können nicht kontrolliert werden.

Oft folgen nach einer Essattacke, Schuld- und Ekelgefühle sowie Deprimiertheit.

Meist besteht kein körperlicher Hunger, dennoch wird gegessen bis zu einem starken Völlegefühl. Sie essen dabei in der Regel mehr, als gesunde, nicht essgestörte Menschen.

Die Betroffenen essen in der Regel alleine und verschweigen ihr Verhalten aus Scham vor den Mitmenschen.

Binge-Eating ist eine eigene Essstörung und grenzt sich von der Bulimie und Anorexia nervosa ab. Die Betroffenen leiden unter ihrem Übergewicht, greifen aber nicht zu Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen, Fastenkuren oder Ess-Verweigerung.

Binge-Eating beginnt in der Regel in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter.

Als Ursachen werden folgende Kriterien genannt:

  • Stimmungstief, negative Gestimmtheit, Depressionen, Ängste
  • negatives Körperbild,  Selbstwertdefizit
  • häufige und misslungene Diäten
  • Übergewicht, erhöhter Body-Mass-Index (BMI)
  • Kritik an der Figur oder am Gewicht von Seiten der Freunde oder der Familie
  • familiäre Konflikte: Beispielsweise sind viele Betroffene im Jugendalter Trennungs- oder Scheidungskinder, die negative Gefühle mit Trostessen kompensieren.

 

Therapeutische Möglichkeiten:

  1. Tiefenpsychologische Psychotherapie

Gezielte Verhaltenstherapie in Verbindung mit Ernährungsberatung und Entspannungs-Training.

Kommen Sie vorbei


089/54 64 57 45

info@psychotherapie-golling.de

089/54 64 57 47

Dr. Dr. Golling & Kollegen Praxis für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie, Psychiatrie und Psychoanalyse (DGPT) Agnes-Bernauer-Str. 67 80687 München-Laim

TERMINE NACH VEREINBARUNG.
Dr. Dr. Golling: Montag, Dienstag und Mittwoch
Johannes Sieben:
Dienstag, Mittwoch und Donnerstag.
Ansprechzeiten für
Terminvereinbarungen:
Montag: von 12 Uhr bis 16 Uhr.
Dienstag: von 11 Uhr bis 13 Uhr und 15 Uhr bis 17 Uhr.
Mittwoch: von 11 Uhr bis 14 Uhr.

Kontakt

    Ich stimme dem Impressum und der Datenschutzerklärung zu.

    Go to Top